Stille Nacht

„Gefunden!“

Ich freue mich jedes Mal, wenn ich wieder eins finde. Inzwischen bin ich richtig gut darin. Noch nicht so gut wie Papa, aber ich bin ja auch viel kleiner als er. Und er sagt auch, dass ich das schon richtig gut mache. Vielleicht bin ich ja bald so ein guter Verstecker wie er.

Mama darf nicht mitspielen. Das ist was für uns Männer, hat Papa gesagt. Ich glaube nicht, dass Mama deshalb traurig ist. Sie will sowieso immer lieber kochen oder das Baby in den Arm nehmen.

„Und, hast du es schon ausgepackt?“

Papa grinst mich an und setzt sich neben mich. In den Schneidersitz, so wie ich. Ich kriege das Papier fast nicht ab, deshalb muss er mir helfen. Und dann sehe ich endlich, was er eingepackt hat: meinen Teddy. Sofort drücke ich ihn an mich. Ich hab ihn schon vermisst.

„Aber, Papa, der Björni ist doch keine Sache. Das gilt nicht, oder?“

„Mmh, ich würde sagen … doch. Wir können einpacken, was wir wollen. Es muss nur aus diesem Haus sein. Weißt du noch? Das war die einzige Regel.“

„Ja, und dass es nur immer eine Sache sein darf. Und nicht zwei davon.“

„Genau.“

Papa geht wieder raus aus dem Zimmer. Jetzt kann ich mit Björni spielen.

Am nächsten Morgen bin ich schon ganz früh wach. Heute ist Weihnachten. Heute kriege ich Geschenke. Richtige, neue Sachen. Nicht nur irgendwas, was sowieso schon im Haus ist.

Papa hat Björni versteckt. Und ich hab ihn gefunden. Also bin ich jetzt wieder dran. Es muss was Gutes sein. Was Großes. Damit Papa sieht, dass ich jetzt auch ein guter Verstecker bin.

Ich laufe durch das Haus. Was soll ich denn einpacken? Die Taschentücher? Nee, das ist ja langweilig. Den Fernseher? Der ist so groß. Dafür hab ich nicht genug Papier übrig. Mmh, egal, ich male jetzt erst mal ein bisschen und dabei überlege ich weiter.

Ich male das Bild besonders gut, deshalb dauert es ein bisschen länger als sonst. Es soll ein Geschenk werden für Mama. Nur noch die Wolke am Himmel fehlt – so – fertig. Schön ist es geworden. Sie wird sich bestimmt freuen. Und das Geschenk darf sie auch haben, obwohl sie kein Mann ist.

Aufgeregt hüpfe ich auf und ab. Ich hab meinen Lieblingspulli angezogen und eine Fliege. Heute ist ja ein besonderer Tag. Ich bin so aufgeregt. Ich bin so gespannt, wie Mama das Bild findet. Und Papa wird sich auch freuen. Ich hab ja was Besonderes versteckt.

Aber ich verstehe nicht, warum Weihnachten heute anders ist als sonst. Normalerweise läuft doch die CD mit den Weihnachtsliedern. Und dann singen wir immer mit. Mama und Papa ganz laut und ich nur leise. Und dieses Mal hab ich richtig geübt und wollte zeigen, dass ich auch ganz laut singen kann. Aber die Musik ist nicht an.

Papa telefoniert. Und Mama weint.

Warum freuen sie sich nicht? Es ist doch Weihnachten. Ich hüpfe immer noch. Und habe Björni im Arm. Der hüpft auch.

„Stiiihiiille Naaacht, heeeeilige Naaaacht!“

Ich hüpfe und singe und freue mich.

„Nein. Nein, die Haustür war ganz bestimmt zu. Ich habe heute Vormittag noch Kartons in die Garage …“

Das ist langweilig, was Papa da erzählt. Ich habe keine Lust mehr, zuzuhören. Draußen wird es schon dunkel. Aber Papa hat gar nicht die Tannenbaumlichter angemacht.

Dann mache ich das eben. Ich stecke den Stecker in die Steckdose. Eigentlich darf ich das nicht selber machen. Aber heute haben Papa und Mama das vergessen. Ich will, dass sie sich auch freuen. So, der Baum leuchtet. Und den CD-Player mache ich auch an. Ich mache die Musik ganz laut.

Jetzt fühlt es sich schon viel mehr an wie Weihnachten. Ich werde wieder ganz aufgeregt und hüpfe auf der Stelle.

„Stiiihiiille Naaacht, heeeeilige Naaaacht!“

Dann ist die Musik aus. Erschrocken drehe ich mich um.

„Was soll das denn?“

Papa hat den Stecker aus dem CD-Player rausgerissen.

„Wir haben gerade andere Probleme. Setz dich jetzt bitte ganz lieb hier hin und spiel mit Björn. Weihnachten muss noch warten.“

Weihnachten muss noch warten? Warum denn? Ich hab doch tolle Geschenke.

Vielleicht haben Papa und Mama ja Angst, dass ich vergessen habe, ihnen was zu schenken. Am besten bringe ich sie ihnen jetzt direkt.

„Mama, Mama, ich hab dir ein ganz schönes Bild gemalt, guck mal! Das hab ich besonders gut gemalt! Mit einem Tannenbaum und ganz vielen Geschenken und einer Sonne und … und sogar mit einer Wolke!“

Vor lauter Aufregung falle ich hin, als ich mit dem Bild zu Mama renne. Aber es ist Weihnachten und ich stehe direkt wieder auf. Ich hab mir auch gar nicht wehgetan.

„Mama, Mama, guck mal, da bist du! Und da bin ich! Und Papa ist auch dabei!“

Warum weint Mama denn schon wieder? Mag sie mein Bild nicht?

Papa kommt rein. Vielleicht freut er sich ja.

Papa hebt mich hoch und trägt mich raus. Wir sollen die Mama mal ein bisschen alleine lassen, sagt er. Weil sie traurig ist. Und gleich kommen zwei Männer von der Polizei, sagt er. Und dass ich dann ganz lieb in meinem Zimmer bleiben soll.

Ich finde das alles langweilig, was Papa sagt. Es ist doch Weihnachten.

„Papa, Papa, hast du denn schon gesucht?“

Papa setzt mich auf dem Spielteppich ab.

„Gesucht?“

„Ich hab was versteckt für dich! Eine Sache aus dem Haus!“

Papa will zuerst gehen, aber dann dreht er sich wieder zu mir um. Er hockt sich auf den Boden und hält meine Schultern fest. Jetzt sieht er auch ganz aufgeregt aus.

„Was hast du versteckt? Hast du etwa … Hast du etwa Emma … eingepackt?“

Ich will wieder hüpfen, aber das geht nicht richtig, weil Papa mich so fest hält. Aber ich freue mich trotzdem. Papa hat das Rätsel gelöst.

„Und jetzt musst du das Geschenk aber noch finden! Ich hab es ganz gut eingepackt! Mit ganz viel Geschenkpapier und ganz viel Kleber!“

Papa hat das Geschenk nicht gefunden. Aber die zwei Polizisten haben es gefunden. Das hat ganz lange gedauert, aber das war trotzdem geschummelt. Und Papa weiß das auch. Er weiß, dass ich jetzt ein besserer Verstecker bin als er.

Das war das beste Weihnachten überhaupt.

Ich glaube, Papa ist traurig, dass ich besser bin als er. Deshalb muss ich jetzt woanders wohnen. Hier sind viele andere Kinder, aber in meinem Zimmer wohnt nur ein anderer Junge. Jetzt kann ich mit ihm spielen. Und bestimmt bin ich auch ein besserer Verstecker als er.

Ich weiß sogar schon, was ich verstecken will.

Diese Geschichte erscheint im Rahmen des